Blick nach Hamburg: “CO₂-Effizienz durch Innovation, nicht durch 80 cm Polystyrol”

CO2-Emissionen lassen sich im Quartier effizienter, kostengünstiger und damit mietenfreundlicher vermeiden als in einzelnen Gebäuden. Eine Studie im Auftrag von Saga und Hansa Baugenossenschaft für das Quartier Horner Geest in Hamburg belegt diese These. Auch werden die Hamburger Klimaschutzziele 2050 nur mit dem Quartiersansatz erreicht.

Thomas Krebs kommt fix zum Punkt. “Beim Klimaschutz ist es fünf vor zwölf. Wir sind eine Branche mit langen Investitionszyklen. Wie machen wir es?” Krebs ist Vorstandsvorsitzender der Saga, der städtischen Wohnungsgesellschaft Hamburgs mit 134.000 Wohnungen. “CO2-Vermeidung an Wohngebäuden ist extrem teuer und führt zu einem Zielkonflikt mit preisgünstigem Wohnen.” 6,64 Euro/m2 kostet die durchschnittliche Saga-Wohnung.

“Es ist ineffizient, sich nur auf einzelne Gebäude zu konzentrieren. Der Grenznutzen sinkt mit dem steigenden energetischen Standard. Eine höhere Effizienz erzielen wir, wenn wir Quartiere, Flotten oder Portfolios in den Blick nehmen.” Und das ist nicht nur eine These, die nach dem von der Bundesregierung Ende Oktober beschlossenen Entwurf des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) bis Ende 2025 ausprobiert werden darf. Eine Studie der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen (Arge) Schleswig-Holstein und von Megawatt im Auftrag der Saga belegt, dass der Quartiersansatz weniger kostet und damit auch die Mieten schont. Untersucht wurde der Stadtteil Horner Geest in Hamburgs Osten. 4.200 der 5.000 Wohnungen gehören der Saga, weitere 800 der Hansa Baugenossenschaft. Bis 2030 sollen zusätzlich 3.100 Wohnungen entstehen.

Krebs unterstreicht damit die Einschätzung des GdW zum GEG: “Wir haben nun drei Jahre Zeit, verschiedene Wege zu testen”, sagt Dr. Ingrid Vogler, Energiereferentin beim Spitzenverband der Wohnungswirtschaft, GdW. Für den Verband ist vor allem die neue Innovationsklausel im Gesetz wichtig: Demnach muss nicht mehr jedes einzelne Gebäude den Energieanforderungen entsprechen, sondern das Quartier; Energieschlucker können unsaniert bleiben, wenn andere Häuser sehr energieeffizient sind. Dies sei ein “Hoffnungsschimmer”, heißt es beim GdW.

Zwei Szenarien wurden durchgerechnet. Welche Investitionen sind notwendig, um die Hamburger Klimaschutzziele 2030 (50% CO?-Reduktion im Quartier gegenüber 1990) und 2050 (-80%) zu erreichen, wenn a) jedes Gebäude angepackt wird oder b) wenn man einem Quartierskonzept folgt?

Der Quartiersansatz schont die Mieten

“Beim individuellen Gebäudeansatz erreichen wir die Klimaziele 2030 gerade so, 2050 nicht.” Dafür müssten die Neubauten im KfW-40-Standard entstehen und der Bestand fast durchgängig auf den Standard KfW 55 gebracht werden. Mehrinvestitionen von 162 Mio. Euro wären nötig, die die Kaltmiete von 6,70 Euro/m2 auf 10,30 Euro/m2 treiben würden. Beim Quartiersansatz hingegen könnten die Klimaschutzziele 2030 und 2050 erreicht werden, wenn für 62 Mio. Euro energetische Mehrkosten die Neubauten im KfW-70-Standard entstehen und der Bestand auf das KfW-115-Niveau gebracht wird. Weitere 80,7 Mio. Euro allerdings sind in eine sehr effiziente Wärmeversorgung zu investieren: Fernwärme, Biomasse, Solar- und Geothermie sowie eine Temperaturabsenkung der Heizung auf Niedertemperaturwärme. Die Klimaziele würden erreicht, 20 Mio. Euro gespart und die Miete würde nur auf 9,30 Euro/m2 steigen.

“Wir haben hier sehr konservativ gerechnet – mit der Wohnungswirtschaft als Investor”, so Krebs. “Ein Contracting-Modell würde die Schmerzen noch mal deutlicher lindern.” Die Vermeidung von 1 t CO? kostet mit dem Gebäudeansatz 930 Euro, im Quartierskontext 750 Euro. Konsequenz für Krebs: “Als Saga packen wir nicht mehr situativ einzelne Gebäude an, sondern werden über den Portfolioansatz nur noch quartiersbezogen planen.” Neubau, Bestand und energetische Versorgung würden zusammen gedacht. Bei größeren Wohnungsunternehmen sei der Quartiers- oder Flottenansatz umsetzbar, bei kleineren schwierig. “Hier könnten die Verbände bei der Entwicklung von CO?-Vermeidungsstrategien unterstützen.”

Der Volkswirt will daraus ein Modell für Hamburg machen. In den im Dezember vom rot-grünen Senat vorgestellten Klimaschutzplan hat es der Quartiersansatz mit einer Experimentierklausel schon geschafft. “Wichtig ist, dass die Wohnungswirtschaft die Klimaziele akzeptiert. Aber wie sie erreicht werden, ist ihre Sache. Dann erreichen wir Effizienz durch Innovationen, nicht durch 80 cm Polystyrol und Wärmepumpen.” Der promovierte Politologe denkt etwa an synthetische Kraftstoffe (Wasserstoff, Methan), der mit überschüssigem Windstrom per Wasserelektrolyse hergestellt wird. Das sei noch teuer, werde aber durch Skalierung billiger – und verbessere dann die CO?-Bilanz der Saga.

Die Flexibilität im Quartier erleichtere zudem den Umgang etwa mit Baudenkmalen und Backsteinfassaden. “Quartierslösungen schaffen Spielräume für das Stadtbild. Und wir würden gerne mal Bestände mit kleinen Mieten temporär unmodernisiert lassen.” Nach Gesprächen mit den Fachbehörden und der Wohnungswirtschaft Ende 2019 will Krebs mit volkswirtschaftlichen Experten im Frühjahr ein Zertifikatemodell für Hamburg vorstellen, das die Investitions- und Förderbank einbeziehen soll.

Der Saga-Chef sieht jedoch auch Diskussionen aufbranden. “Ein bilanzieller Kompensationsansatz kann in der Kritik stehen”, merkt er mit Blick auf die Zielstellung der Nullemissionspolitik in der Klimadiskussion an. “Für uns ist es aber der einzig sinnvolle Ansatz.” Die Saga selbst hat mit Investitionen von 2,1 Mrd. Euro CO?-Einsparungen von 60% erreicht – und damit das Klimaschutzziel von 2030 übererfüllt.